Rette die Kinder

Durch Verstädterung, Armut, Konflikte und Fragmentierung der Gemeinden enstanden in Afrika, südlich der Sahara Vorwürfe, die Kinder der Hexerei bezichtigen und somit eine „Multi Krise” für bereits gefährdete Kinder schaffen. Ein breites Spektrum von gefährdeten Kindern sind Waisen, Straßenkinder, Albinos, Kinder mit körperlichen Behinderungen oder Störungen wie Autismus, aggressive oder einsame Kinder, solche mit ungewöhnlichen Begabungen, Frühgeborene oder Zwillinge

Im Großen und Ganzen kann der Begriff der Zauberei als die Fähigkeit bezeichnet werden, wonach durch mystische Kräfte jemandem Schaden zugefügt werden kann. Laut Bericht einer anthropologischen Studie der zeitgenössischen Praktiken in Westafrika, sind die meisten der Angeklagten, die der Hexerei beschuldigt sind Jungen im Alter von 8 bis 14 Jahren.

Angola, Benin, Kamerun, die Zentralafrikanische Republik, die demokratische Republik Kongo und Nigeria sind nur einige der Länder mit den höchsten Zahlen, so der Bericht. Bis jetzt wurde keine umfassende Studie unternommen, um das Ausmaß des Phänomens zu zeigen, sagt Joachim Theis, Kinderschutz Berater der UNICEF in Westafrika. Allerdings wurden nach diskreten Untersuchungen geschätzt, dass „Tausende“ von Kindern der Hexerei beschuldigt und anschließend in Städte wie Kinshasa, Lubumbashi in der Demokratischen Republik Kongo, Luanda in Angola, Akwa Ibom in Nigeria aus ihren Häusern geworfen wurden.

Angeklagte Kinder wurden letztenendes angegriffen, verbannt, geschlagen und manchmal sogar getötet, so die Forscher. Den Kindern wurde Benzin in die Augen oder Ohren gegossen, sie wurden zum Fasten gezwungen oder genötigt verschiedene Stoffe zu schlucken. Diese Prozeduren gehören zum Exorzismus, so der Bericht.

Modernes Phänomen

Im Gegensatz zu anhaltenden Wahrnehmung im Westen ist Kinder-Hexerei in Afrika nicht eine alte “afrikanische Tradition”, sondern ein relativ modernes Phänomen der letzten 10-20 Jahre, sagt Aleksandra Cimpric in einem Bericht. Bereits lange Zeit vor diesem Bericht wurde Hexerei tendenziell älteren Menschen und insbesondere Frauen vorgeworfen.

Der Anstieg der Vorwürfe scheint teilweise mit der wachsenden wirtschaftlichen Belastung, der Kindererziehung, Urbanisierung, Trennung von Familien und der Schwächung der familiären Strukturen verbunden zu sein, sagt Theis von der UNICEF und fügt hinzu, dass der Anstieg durch kirchliche Bewegungen wie Pfingstkirchen und Auferstehungsbewegungen verstärkt würde, die in vielen der betroffenen Länder heutzutage aufkommen.

Die ausbeuterischen Pfarrer-Propheten behaupten, Hexen identifizieren zu können. Exorzismen bieten eine zusätzliche Legitimation Hexerei vorzuwerfen.

Ihr lukratives Talent, welches die bösen Kräfte „der anderen Welt“ bekämpft funktioniert als Ergänzung zu der traditionellen Arbeit des Heilers.

Folgender Fall trat in einer Fernsehansprache in Nigeria auf: „Bischof“ Sunday Ulup Ay der aus Akwa Ibom–Nigeria kommt, ist verhaftet worden, weil er durch Exorzismen sich persönlich bereichert hat, indem er eine Gebühr von 261 $ pro Kind verlangt hat.

In Afrika ist Hexerei nicht der einheitliche Glaube, sagt Theis. „Er hat geistige, wirtschaftliche und soziale Ursachen. Er wird mit allerlei anderen Glaubensrichtungen vermischt und kann nicht in eine bestimmte Kategorie abgelgt werden.

Kinderschutz

Kinderschutz-Agenturen können nicht den Glauben an Hexerei verändern aber sie müssen einen klaren Ansatz definieren, indem sie für den Kinderschutz kämpfen, sagt Theis.

„Wir versuchen nicht den Glauben an der Hexerei auszurotten, welche wir nicht unbedingt verstehen. Aber wir sagen, dass Gewalt und Missbrauch gegen Kinder falsch ist und aufhören muss. Wir müssen jede Methode verwenden, um es zu stoppen. Wir können zum Teil die gleichen Methoden verwenden, die wir schon entwickelt haben um andere Formen von Gewalt und Missbrauch gegen Kinder zu stoppen“.

Viele der angeklagten Kinder sind zu Straßenkindern geworden und benötigen die gleiche Art von Rehabilitation und Wiedereingliederung.

Einige der Methoden haben ganz gut funktioniert, die zum Beispiel in der Provinz Katanga, im Süden der Demokratischen Republik Kongo benutzt wurden. Dazu gehören die Sensibilisierung der Gemeinden, die Verhandlungen mit Familien, Kindern und religiösen Führern in Einzelfällen; die Suche nach Verbündeten in örtlichen Kirchen, um zu helfen und das Wort zu verbreiten; die Erbringung von Dienstleistungen für benachteiligte Kinder und die Durchsetzung des Gesetzes nach UNICEF.

Dem Bericht zufolge können auch die Risiken die mit den Anschuldigungen der Hexerei in Verbindung stehen abgebaut werden, wenn eine bessere Grundversorgung für die Kinder festgelegt und die Struktur der Familie geschützt wird.

Gesetzgebung

Obwohl das Praktizieren der Hexerei in Kamerun, Tschad und Gabun ungesetzlich ist, wird ein großer Teil der Kinder angeklagt, die der Hexerei beschuldigt werden und landen letztendlich vor dem Familiengericht. Und genau da fehlen jedoch die Gesetze zum Schutze der Kinder. Folglich müssen viele der Kinder in das Gefängnis oder sogar ins Exil.

Erforderlich ist in dieser Situation ein Gesetz, welches die Kinder vor den Vorwürfen der Hexerei schützt. Es ist schwer die allgemeine Einstellung der Bevölkerung in Afrika zu ändern. Dennoch ist es absolut notwendig das Bewusstsein der Familien, der Juristen und der Ärzte zu schärfen, um Änderungen der Gesetzgebung zu ermöglichen. Eine positive Wirkung kann hierdurch erhofft werden, wenn alle Beteiligten mobilisiert werden. Der Glaube an Hexerei war früher tief in den westlichen Ländern verankert und es dauerte sehr lange Zeit, bis dieser verschwunden war“.